Prüfmittel außerhalb der Toleranz — was nun?

Der Kalibrierschein kommt zurück, und in der Spalte "Konformität" steht bei einem Gerät ein "nicht bestanden". Was jetzt? Die Reflexreaktion — Gerät justieren lassen, weitermachen — überspringt die eigentlich wichtige Frage.

Zuerst rückwärts schauen, nicht vorwärts

Das Gerät war nicht erst seit gestern außerhalb der Toleranz. Es ist irgendwann zwischen der letzten und der jetzigen Kalibrierung dorthin gedriftet. Alles, was in diesem Zeitraum damit gemessen wurde, steht damit in Frage.

Die erste Aufgabe ist deshalb nicht die Reparatur, sondern die Eingrenzung: Welche Teile, Chargen oder Prüfungen sind betroffen? Wo wurde das Gerät eingesetzt? Gibt es Rückstellmuster oder Aufzeichnungen, mit denen sich nachprüfen lässt, ob die Abweichung in der Praxis überhaupt eine Rolle gespielt hat?

Die Abweichung ins Verhältnis setzen

Nicht jede Überschreitung ist gleich kritisch. Entscheidend ist das Verhältnis zur Toleranz, die Sie tatsächlich überwachen. Ein Messgerät, das um das Doppelte seiner Spezifikation abweicht, aber immer noch weit innerhalb Ihrer Fertigungstoleranz liegt, ist ein anderer Fall als eines, das genau an der Grenze eines sicherheitsrelevanten Maßes liegt.

Deshalb hilft es, wenn im Kalibrierschein nicht nur "bestanden/nicht bestanden" steht, sondern die tatsächlichen Messwerte mit ihrer Unsicherheit. Nur damit lässt sich die Frage beantworten, wie schlimm es wirklich ist.

Dann erst die Entscheidung über das Gerät

Justieren, reparieren, ersetzen oder herabstufen — ein Gerät, das für die feine Messung nicht mehr taugt, kann für gröbere Aufgaben weiterlaufen, wenn es entsprechend gekennzeichnet und dokumentiert wird.

Und danach das Intervall

Ein Gerät, das aus der Toleranz gelaufen ist, hat sein Intervall überschritten — unabhängig davon, was im Plan stand. Das ist der Anlass, das Intervall für dieses Gerät zu verkürzen, nicht der Anlass, es zu ignorieren.

Wer die Historie strukturiert vorliegen hat, sieht solche Fälle übrigens meist kommen, bevor sie eintreten: Ein Gerät, das über drei Kalibrierungen stetig in eine Richtung wandert, überschreitet irgendwann. Das ist der Vorteil daran, Messwerte auswertbar zu halten statt nur als PDF abzulegen.